Verlustgeschäft öffentliches Laden und trotzdem Pflicht für ländliche Regionen

Öffentliche Stromtankstellen ein Minusgeschäft?

Selbst in E-Mobilitätshochburgen wie in München ist die Installation einer öffentlichen Stromtankstelle oft genug ein Minusgeschäft. Viele Ladestationen sind die meiste Zeit des Tages verwaist. Je nach Bauart und Ladegeschwindigkeit liegen dabei die Infrastrukturkosten zwischen 5.000 und 50.000 Euro. Doch mit Ladestromverkauf ist schwer Geld zu verdienen – gerade wenn die Ladestation kaum genutzt wird und kein Schnellladen möglich ist. An vielen Normalladesäulen werden aktuell pro Monat gerade mal 100 kWh umgesetzt. Bei ca. 10 Cent, die einem Ladesäulenbetreiber nach Abzug von Strom- und Netzgebühren pro kWh verbleiben, bedeutet das Einnahmen von 10 Euro im Monat oder anders ausgedrückt, er müsste eine der günstigeren Ladesäulen knapp 42 Jahre lang betreiben um die Infrastrukturkosten wieder einzuspielen.

Mehr Geld mit Ladepauschalen verdienen?

Etwas besser sieht die Bilanz aus, wenn nicht nach geladenem Strom, sondern eine Pauschale pro Ladevorgang abgerechnet wird, üblich sind z.B. 4,50 Euro. Beim Normalladen mit 11 kW werden dann im Schnitt 20 kWh pro Fahrzeug geladen, was knapp 2 Stunden dauert. Nun steht das Fahrzeug aber meist länger an der Ladestation als für den reinen Ladevorgang nötig und bis der nächste Stromer kommt, vergeht auch noch etwas Zeit. Realistisch sind daher vier Ladevorgänge pro Tag, also Einnahmen in Höhe von 18 Euro. Der Ladestationsbetreiber muss davon aber die getankte Strommenge bezahlten, in unserem Beispiel wären das immerhin 80 kWh. Kauft er diese Menge zum vergünstigten Industriekundenpreis ein, werden ihm aktuell 19 Cent pro kWh an Strom- und Netzgebühren verrechnet, das sind pro Tag 15,20 Euro. Ihm bleiben also täglich 2,80 Euro bzw. monatlich 84 Euro übrig. Mit diesen Gebühren wäre die Infrastruktur dann schon nach 5 Jahren abbezahlt, gäbe es da nicht auch noch Kosten für Personal und Wartung.

Wirtschaftlichkeit dank Förderung?

Glücklicherweise gibt es diverse Landes- und Bundesförderungen, bei denen bis zu 50 % der Infrastrukturkosten für öffentliche Stromtankstellen übernommen werden, was einen Return on Invest bereits nach 2 ½ Jahren ermöglicht.

Stromtanken statt Parkgebühren?

Was in dieser Bilanz jedoch unterschlagen wurde ist, dass die Ladestationen nur dann genutzt werden, wenn sie sich an attraktiven Plätzen befinden, was bedeutet, dass hierfür bisher gebührenpflichtige Parkplätze geopfert werden müssen. Und die sind in der Regel hoch lukrativ. Je nach Stadtviertel bringt ein Stellplatz monatlich zwischen 140 und 770 Euro an Parkgebühren ein – und das für eine Fläche von ca. 12 m²!

Ladesäulen gegen Fahrverbote

In Ballungsräumen ist das Aufstellen von Stromtankstellen ohnehin nicht aus wirtschaftlichen Beweggründen getrieben, sondern aufgrund von Luftreinhaltungszwängen. Der Grund lieg darin, dass es da, wo die höchsten Schadstoffbelastungen auftreten und Fahrverbote drohen, fast nur Laternen- und Tiefgaragenparker gibt. Beide verfügen meist über keine private Möglichkeit zum Laden eines Stromers. Ein Umstieg auf emissionsfreie Elektroautos ist also nur dann machbar, wenn genügend öffentliche Lademöglichkeiten vorhanden sind.

Kein Bedarf für öffentliches Laden am Land

Abseits der großen Metropolen sieht das völlig anders aus. Hier verfügt fast jeder Haushalt über einen heimischen Stellplatz mit eigenem Stromanschluss. Luftreinhaltung und Fahrverbote spielen auch keine Rolle. Zudem sind Elektroautos für die meisten Bewohner sowieso kein Thema, entweder, weil sie noch viel zu teuer sind oder weil deren Reichweite für Überlandfahrten zu gering ist.

Warum sollte also eine Kommune im ländlichen Raum überhaupt auf solch einen wirtschaftlichen Unsinn, wie das Aufstellen öffentlicher Stromtankstellen, auch nur einen Gedanken verschwenden?

Die Antwort ist einfach, weil sie sich sonst mittelfristig selbst von der Außenwelt, dem Fortschritt und wirtschaftlichen Einnahmequellen abhängt. Wer heute in Besitz eines Elektroautos ist, gehört zu einer sehr attraktiven Zielgruppe. Es handelt sich um innovative und vor allem um solvente Personen, die jede Kommune gerne als Konsument, Arbeitnehmer, Arbeitgeber oder Tourist an sich binden möchte. Wenn nun solch attraktive E-Autobesitzer überlegen, ob sie an einen Ort fahren sollen, werden sie als erstes in ihrer Ladestations-App überprüfen, ob sie dort ihr Fahrzeug öffentlich aufladen können. Und wenn sie dann auf der Landkarte nur weiße Flecken vorfinden, dann werden sie einen großen Bogen um diese Gegend machen. Bei einem E-Autoanteil von weniger als einem Prozent ist das zu verschmerzen, doch mittelfristig wird das ähnlich katastrophale Folgen haben, wie das Fehlen einer vernünftigen Mobilfunkabdeckung oder eines breitbandigen Internetzugangs.

Die richtige Dimensionierung ist eine Kunst

Um dauerhaft attraktiv zu bleiben besteht nun die Kunst darin, eine möglichst flexible öffentliche Ladeinfrastruktur aufzubauen, dabei unnötige Ausgaben und Fehlinvestitionen zu vermeiden und mithilfe frühzeitiger, offener Kommunikation bei Bürgern und Verantwortlichen gegen überzogene Erwartungen vorzubeugen.

Kurse speziell für Kommunen

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