Sorgenkind öffentliche Ladeinfrastruktur

Sand im Getriebe

Seit dem 12. April 2021 können kleine und Mittlere Unternehmen Anträge für das 300 Mio. Euro umfassende Förderprogramm Ladeinfrastruktur vor Ort“ stellen. Für uns Anlass genug, einen Blick auf den Ausbau der öffentlichen Ladeinfrastruktur zu werfen und die Hürden aufzuzeigen, die auf dem Weg Richtung Elektromobilität noch genommen werden müssen. Dass es hier noch einiges zu tun gibt, das beweist die Tatsache, dass sich das ein oder andere Förderprogramm sogar noch in der Pipeline befindet.

Ladesäulen – Säulen der Elektromobilität

Mit dem forcierten Ausbau der für den Betrieb eines Elektroautos notwendigen Ladeinfrastruktur soll der Doppelschritt, bestehend aus öffentlich zugänglichen und privaten Ladesäulen, geschafft werden. Während Schritt eins, nämlich der Ausbau der privaten Ladeinfrastruktur wie geschmiert läuft und zu einer Art Shooting-Star des Verkehrsministeriums geworden ist, ist beim Ausbau der öffentlichen Ladeinfrastruktur noch ein wenig Sand im Getriebe, wie die aktuellen Zahlen belegen.

Laut Bundesverband für Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) gibt es (Stand: Dezember 2020) in Deutschland etwa 40.000 öffentlich zugängliche Ladesäulen. Ein Jahr zuvor waren es noch 24.000 Ladesäulen, was einem Zuwachs von 66 Prozent entspricht. An sich ein spektakulärer Wert, im Kosmos der Elektromobilität allerdings mehr ein Sturm im Wasserglas. Zum Vergleich: Allein die Zulassungszahlen von Elektroautos im März 2021 sind im Vergleich zum Vorjahresmonat um etwa 300 Prozent gestiegen.

Noch deutlicher wird die Kluft zwischen den Zulassungszahlen von Elektroautos und dem damit notwendig einhergehenden Ausbau öffentlich zugänglicher Ladeinfrastruktur, wirft man einen Blick auf die verschiedenen Leistungsklassen der Schnellladestationen.

Lediglich 5 Prozent der bisher in Betrieb genommenen Ladestationen haben eine Leistung von 150 Kilowatt oder mehr. Dabei gelten gerade solche Schnellladesäulen als wichtiges Instrument, um die Attraktivität der neuen Mobilität deutlich zu machen. Schließlich kann man, eine entsprechend große Batterie vorausgesetzt, an einer solchen Ladesäulen innerhalb weniger Minuten Strom für die nächsten hundert Kilometer und mehr tanken. Jedoch ist die Wachstumsrate für diese Ladesäulen sogar ein Stück weit zurückgegangen.

Die Gründe für den schleppenden Ausbau des Schnellladenetzes

Die Gründe, warum es beim Ausbau der öffentlich zugänglichen Ladeinfrastruktur, vor allem der fürs Schnellladen geeigneten, derzeit noch ein wenig hackt, sind vielfältig. Allen voran sind es die enorm hohen Investition, die für einen leistungsstarken Anschluss getätigt werden müssen. „Hier liegen die Kosten im fünf- oder sechsstelligen Bereich, was angesichts der zumindest aktuell noch fehlenden Wirtschaftlichkeit von Ladesäulen gerade bei mittelständischen Unternehmen finanziell nicht darstellbar ist“, sagt El Obeid, Chef des Bundesverbands Freier Tankstellen.

Die Kosten-Nutzen-Rechnung stimmt oft nicht

So belaufen sich die Kosten für einen Niederspannungsanschluss derzeit auf etwa 25.000 Euro, die Ladesäule selbst schlägt dann noch einmal mit 45.000 Euro zu Buche. Die staatliche Förderung betrug zuletzt etwa 5.000 Euro, was angesichts der aufzuwendenden Summen nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein ist.

Die Folge: Für viele potentielle Investoren ist es einfach nicht rentabel, in die teuren Ladesäulen zu investieren. Mit dem nun in Kraft tretenden Förderprogramm „Ladeinfrastruktur vor Ort“ könnte die Fördersumme für dieses konkrete Beispiel nun auf bis zu 56.000 Euro Förderung anwachsen, sofern die dafür nötigen Kriterien erfüllt werden.

Auf diese Weise soll sich auch das Erreichen der Gewinnschwelle zeitlich deutlich nach vorne verlagern. Das ist auch notwendig, denn derzeit wird diese bei einem Niederspannungsnetz nach sechs Jahren bei einem Mittelspannungsnetz gar erst nach etwa neun Jahre erreicht. Weil ein solches Mittelspannungsnetz in der Regel aber ein halbes Jahrhundert betrieben werden kann, stehen die Chancen gut, dass sich die Zapfsäulen für Elektroautos mittelfristig lohnen.

Die Mühlen der Bürokratie

Kritik gibt es aber nicht nur an den vergleichsweise hohen Anschaffungskosten für die Ladesäulen, sondern auch an den Genehmigungsverfahren, die sich teilweise kaugummiartig in die Länge ziehen. So dauert es „von der Beantragung bis zur Inbetriebnahme sechs Monate, es können aber auch mal neun werden. Das läuft einem schnellen Ausbau entgegen“, so der Managing Director von Deutschlands drittgrößtem Schnellladesäulen-Betreibers, Allego.

Laut dem Bundesverband der Energie und Wasserwirtschaft sind solch lange Bearbeitungszeiten allerdings nicht die Regel, sondern ein Sonderfall, der vor allem im urbanen Raum eintritt, da es hier zu „begrenzten operativen Ressourcen komme.“

Das Problem mit der großen Zeitspanne, die zwischen Planung und fertiger Ladesäule liegt, ist aber nicht nur auf die operativen Ressourcen des Gesetzgebers beschränkt, sondern speist sich auch aus der Abhängigkeit der Ladesäulenbetreiber gegenüber den Stromanbietern, die in diesem Falle als Monopolisten agieren können. Lediglich bei Ladesäulen mit einer Leistung von weniger als 12 Kilowatt sind sie dazu verpflichtet, innerhalb von zwei Monaten Auskunft über die Machbarkeit des Stromanschlusses zu geben.

Zuletzt gab es auch immer wieder Kritik an der teils intransparenten Preisgestaltung so mancher Ladesäulenbetreiber. Preisschwankungen von 100 Prozent, bei gleicher Strommenge und Leistung sind derzeit an ein und derselben Ladesäule keine Seltenheit.

All diese Punkte münden schließlich darin, dass das Ladenetz in Deutschland derzeit noch weit davon entfernt ist, als „dicht“ bezeichnet werden zu können. Dies ist also weniger ein eigenes Problem, als vielmehr Symptom der beschriebenen Probleme. Soll heißen: Findet man eine Lösung für die oben geschilderten Herausforderungen, löst sich dieses letzte große Problem wohl von allein.

Der Weg zur Elektromobilität ist noch lange nicht zu Ende und erscheint gerade bei diesem Thema fußsohlengefährdend lang. Wirft man aber einen Blick zurück, bemerkt man erst die vielen kleinen und großen Hürden, die bereits erfolgreich genommen worden sind. Insofern scheint es nur eine Frage der Zeit, bis auch die kommenden gemeistert und Elektroautos keine Alternative mehr sind, sondern die bessere Wahl.

Quelle Beitragsbild: Charlotte Stowe – Unsplash

Bleiben Sie auf dem Laufenden

Wenn auch Sie auf dem Laufenden bleiben möchten, melden Sie sich hier zu unserem kostenlosen Newsletter an:

Loading