VDA bekennt sich zur Elektromobilität

Quo vadis VDA

Mit einem 15-Punkte-Plan hat sich der Verband der Automobilindustrie (VDA) verblüffend eindeutig pro Elektromobilität positioniert. Das überrascht, schließlich ist der Branchenverband bisher vor allem mit seiner Forderung nach „Technologie-Offenheit“ aufgefallen. Doch der Sinneswandel hat System, denn der VDA kämpft ums überleben.

Der VDA steckt in der Krise

Wirtschaftlich hat der VDA schon bessere Tage gesehen. Auch er ist von der Corona-Krise nicht verschont geblieben und muss, weil mit der IAA eine seiner Haupt-Einnahmequellen das zweite Jahr in Folge wegzubrechen droht, enorm große finanzielle Löcher stopfen. Aber nicht nur die finanzielle Lage ist angespannt, unter der Oberfläche brodelt es ebenso. Schuld daran ist das ausgemachte Ende des Verbrenners.

Für die Verbandsmitglieder, allen voran den deutschen Automobilherstellern, kommt der Umstieg auf Elektromobilität einer Operation am offenen Herzen gleich. Dabei war es vor ein paar Jahren längst nicht sicher, von wem das Spenderherz eigentlich kommt. Wasserstoff- , Elektroautos und nicht zuletzt E-Fuels haben sich hierfür in Position gebracht.

Das Elektroauto ist das besser Auto

Seit einiger Zeit (nicht zuletzt wegen eines phänomenalen Jahres 2020) ist klar: Das neue Herz wird elektrisch. Dem Elektroauto gehört die Zukunft, darauf haben sich die deutschen Autohersteller festgelegt – und geliefert. Nicht zuletzt die Kür eines Elektroautos zum „Auto des Jahres 2020“ beim ADAC beweist, dass das Elektroauto inzwischen mehr als wettbewerbsfähig ist. 

In der Vorstandsetage des VDA war man vom Elektroauto bis vor Kurzem allerdings nicht so recht überzeugt. Während VW, Porsche, Daimler und Co. Milliardensummen in die Erforschung des neuen Antriebssystems steckten, hielt der VDA weiter am Prinzip der Technologieoffenheit fest.

Viele Verbandsmitglieder sind auf Verbrenner spezialisiert

Dass der VDA ein klares Bekenntnis zur Elektromobilität vermissen ließ und sich stattdessen als Verbrenner-Retter darstellte, hatte System. Der Verband repräsentiert schließlich nicht nur die Fahrzeughersteller, die sich am Ende der Nahrungskette befinden und denen es leidlich egal sein kann welche Antriebsform sie in ihren Autos verbauen, sondern eben auch die Zulieferer.

Der VDA in der Zwickmühle

Und genau dort steht so Mancher jetzt mit dem Rücken zur Wand, der sich in der Vergangenheit auf die lukrativen Verbrennungsmotoren spezialisiert hat. Indem manche seiner Mitglieder nach wie vor am Verbrenner festhalten und demzufolge die Zukunft in den E-Fuels sehen (müssen), gerät der VDA zunehmend zwischen die Fronten seiner eigenen Mitglieder. Die vom Verband immer wieder propagierte „Technologieoffenheit“ ist daher weniger eine Überzeugung, als ein letzter Strohhalm für viele seiner Mitglieder.

Für die Autobauer, allen voran Volkswagen, macht ihn das jedoch zunehmend zur Gefahr. E-Auto-Skeptiker in den eigenen Reihen braucht man angesichts der Summen, die hier auf dem Spiel stehen, keine. Zu wichtig ist ein erfolgreicher Wechsel des Antriebskonzepts.

Diese Konstellation birgt das Potential in sich, den VDA zu spalten und könnte das Ende des Verbandes bedeuten. Welche Daseinsberechtigung hat schließlich ein Verband, der nicht in der Lage ist, die Interessen seiner Mitglieder zu vertreten?

Das Problem mit der „Technologieoffenheit“

Die „Technologieoffenheit“ ist bei Weitem kein Phänomen des VDA, sondern war in der Vergangenheit eine Art kleinster gemeinsamer Nenner, auf den sich Industrie und Regierung geeinigt hatten. In der Theorie ist ihr auch nur schwer beizukommen, schließlich will niemand am Ende des Tages aufs falsche Pferd gesetzt haben. Es war deshalb sinnvoll, keiner Antriebsform den (Förderungs-) Vorzug zu geben, bevor nicht ein klarer Sieger feststeht.

Das Problem: Das Rennen ist entschieden, die Autohersteller haben sich vom Konzept der Technologieoffenheit weitestgehend verabschiedet und stecken Milliarden in die Forschung und Entwicklung von Elektromobilität. Der designierte Nachfolger des Verbrenners ist der Elektromotor. Die Diadochenkämpfe der Antriebssysteme sind beendet.

Ist der VDA nun geläutert?

Das Ergebnis dieses internen Tauziehens ist ein 15-Punkte-Plan, der nun auf der Homepage des VDA zu finden ist. Entgegen der zuvor propagierten „Technologieoffenheit“ bekennt sich der Verband nun klar zum Elektroantrieb und fordert mehr Förderungen für dieses sowie einen Ausbau der Ladeinfrastruktur. Unterm Strich klingt der 15-Punkte-Plan des VDA wie ein Who’s Who der Forderungen, die aktuell von VW und Co. auf die Bundesregierung einprasseln. Der Machtkampf innerhalb des VDA scheint damit entschieden, die „Technologieoffenheit“ ist einem Bekenntnis zur Elektromobilität gewichen.

Der 15-Punkte-Plan des VDA

1. Rekord-Investitionen

Bis 2025 wollen die Verbandsmitglieder etwa 150 Milliarden Euro in die Forschungsbereiche Elektromobilität und Digitalisierung investieren. Damit die enorm hohen Investitionen nicht im Sande verlaufen, ist es Aufgabe der Politik, die erforderlichen Rahmen- und Standortbedingungen zu schaffen und so die eigenen Klimaschutzziele zu erreichen.
 

2. Ladesäulen-Ausbau beschleunigen

Der Ausbau der Ladesäuleninfrastruktur ist eine Art argumentativer Klassiker, wenn es um das Thema Elektromobilität geht – und das völlig zurecht, schließlich steht und fällt das Projekt E-Mobilität mit eben jener Ladesäuleninfrastruktur.
Behält man die aktuelle Geschwindigkeit bei, geht die Tendenz jedoch eindeutig zum Fallen. Von den erforderlichen 2.000 Ladepunkte, die für ein ausreichend dichtes Ladenetz pro Woche neu entstehen müssten, wird aktuell nur etwas mehr als jede Siebte tatsächlich gebaut. Der Ausbau der für die Langstreckentauglichkeit von Elektroautos so wichtigen Schnellladesäulen stagniert derzeit sogar (Hier gehts zum News-Beitrag).

3. Laden bei der Arbeit

Das Elektroauto am Arbeitsplatz zu laden ist aus vielen Gründen attraktiv. Dass der VDA auch hier „ein gut ausgestattetes Förderprogramm“ fordert, das zudem möglichst „rasch realisiert werden“ solle, überrascht daher nicht.

Strom vom Arbeitgeber ist nicht nur attraktiv, weil Elektroautos sowieso mehrere Stunden am Tag auf dem Firmenparkplatz stehen, sondern auch, weil das Befüllen des Stromspeichers durch den Arbeitgeber rein rechtlich gesehen zwar als geldwerter Vorteil gilt, es hier aber eine Sonderregelung gibt, die E-Auto-Fahrer bis 2030 von dieser Regelung entbindet. Der Strom am Arbeitsplatz ist also steuerfrei.

Weil er in der Regel auch kostenlos ist, gibt es (zumindest theoretisch und mit einigen Hürden verbunden) die Möglichkeit, das Auto als eine Art Powerbank für das Haus zu benutzen.

Das Elektroauto als Powerbank

Manche Elektroautos können Strom nicht nur aufnehmen, sondern auch abgeben. „Vehicle to Road“ heißt diese Funktion beispielsweise bei Huawei, Kia nennt das Feature schlicht „Notstromversorgung“. Die dafür notwendigen Modifikationen sind in Deutschland (und vielen anderen Ländern) aktuell jedoch nicht erlaubt.

Theoretisch kann man mit dieser Funktion den kostenlosen Strom des Arbeitgebers tanken und ihn Zuhause für den Betrieb von Backofen, Kühlschrank und Co. verwenden. Die dafür notwendigen bidirektionalen Wechselrichter findet man aktuell nur in den wenigsten Fahrzeugmodellen. In Teslas Model 3 sind sie beispielsweise nicht verbaut.
Weil auch der Volkswagen-Konzern kürzlich eine Box vorgestellt hat, mit der Strom vom Elektroauto ins Hausnetz eingespeist werden kann, kann man davon ausgehen, dass sich auch die Politik bald dem Thema annehmen wird.

Aktuell liebäugeln die Fahrzeughersteller zwar mit dem Konzept des Bidirektionalen Ladens, jedoch erlischt derzeit noch die Garantie auf den verbauten Akku, wenn man diesen als Stromspeicher für Zuhause verwendet. Da von Kalifornien bis Wolfsburg allerdings kräftig an der Technologie geforscht wird, kann man also davon ausgehen, dass der Garantieverfall bald nicht mehr sein wird.

4. Laden am Wohnort

Neben dem Arbeitsplatz ist auch die Lademöglichkeit am Wohnort von entscheidender Wichtigkeit, um zum Gelingen des elektromobilen Wandels beizutragen. Hier sieht es mit dem enorm beliebten Wallbox-Förderprogramm der Kfw (zu Beginn des Programms stürzten wegen des enormen Andrangs sogar die Server des Verkehrsministeriums ab) derzeit zwar recht gut aus, der VDA fordert aber dennoch, den „Ausbau des Wallboxen-Programms“ weiter voranzutreiben sowie „ein zusätzliches Förderprogramm für den bereits gesetzlich vorgeschriebenen Einbau von Ladepunkten in Tiefgaragen und Parkhäuser, nachträglich und bei allen Neubauten.“ 
 (hier gehts zum News-Beitrag zum GEIG) 

5. Laden beim Einkaufen

Auch der Handel, beziehungsweise dessen Parkplätze, sollen nach Meinung des VDA mit Ladesäulen ausgestattet werden. Auch hierfür gibt es zwar bereits ein Förderprogramm (hier gehts zum News-Beitrag), dieses ist nach Meinung des VDA jedoch nicht umfassend genug und zu klein dimensioniert.

6. Preis-Garantie

Beim für den Betrieb eines Elektroautos notwendigen Strom sollte es sich um Ökostrom handeln. Weil in Deutschland zudem ein vergleichsweise hoher Strompreis herrscht, sollte der für das Laden des E-Autos benötigte Strom sowohl von der Stromsteuer, als auch von der EEG-Umlage ausgenommen werden.


7. Europa-Garantie

Hier spricht der VDA einen wichtigen Punkt an, denn wer mit seinem Elektroauto in den Urlaub fährt, der muss schließlich auf dem Weg dorthin und natürlich auch am Zielort eine Lademöglichkeit haben. Aus diesem Grund braucht es beim Thema Elektromobilität nicht nur nationale Förderungen, sondern eine europäische Lösung. Hier sieht der VDA sowohl die Bundesregierung, als auch die europäische Kommission in der Pflicht, die Ladeinfrastruktur schnell auszubauen.
 

8. Käufer von E-Autos unterstützen

Bei diesem Punkt beweist der VDA Weitblick. Die aktuelle E-Auto-Prämie, so die Forderung des Verbands, solle über das Jahr 2022 hinaus gezahlt werden. Dass sich der VDA hier bereits lange im Vorfeld für eine Verlängerung des Programms stark macht, liegt in der Natur der Sache.
 

9. Smartes Bezahlen an der Ladesäule

Die kürzlich von der Bundesregierung verabschiedete Ladesäulenverordnung (hier gehts zum News-Beitrag) stieß auf viel Kritik. Grund hierfür sind die durch das Gesetz anfallenden Mehrkosten für die Kartenlesegeräte.
Zudem appelliert der Verband an die Politik, dass Verbraucher ihren vertraglich vereinbarten Strom an jeder Ladesäule beziehen können sollten und so die Wucherpreise, die zuweilen für „Fremdlader“ verlangt werden, nicht mehr auftreten dürfen. 
 

10. Schnell-Lade-Quote

Die Forderung nach einer Schnellladequote erscheint angesichts der aktuellen Stagnation beim Ausbau des Schnellladenetzes nicht weiter verwunderlich und ist ebenso sinnvoll, wie der damit einhergehende Ausbau des Stromnetzes. Neben smarten Ladelösungen, wie sie vor Kurzem erst The Mobility House vorgestellt hat (hier gehts zum News-Beitrag), ist ein Leistungszuwachs im Stromnetz eine der wichtigsten Säulen beim Ausbau der Elektromobilität.

11. Lkw-Verkehr fossilfrei machen

Dieser Punkt dürfte intern heftig diskutiert worden sein, schließlich hat vor kurzem erst eines der VDA-Mitglieder, nämlich der Fahrzeugzulieferer Bosch, mehrere Milliarden Euro in den Ausbau seiner Wasserstoff-LKW-Forschung investiert. Dass sich der VDA nun in aller Deutlichkeit auch für E-LKWs ausspricht, beweist einmal mehr, welchen Druck VW und Co. hier ausgeübt haben müssen. Dazu passend heißt es von Seiten der Bundesregierung, dass man an einem Ausbauplan zu neuen Förderprogrammen sowie der Aufnahme von Nutzfahrzeugen mit mehr als 3,5t ins Elektromobilitätsgesetz, arbeite.
 

12. Elektromobilität nachhaltig machen

Die Akku-Herstellung ist eine Art ökologische Achillesferse der Elektromobilität. Aus diesem Grund spricht sich der VDA, wie übrigens viele Fahrzeughersteller auch, für einen Second-Life-Markt bei den Antriebsbatterien aus. Die Akkus, die nicht mehr in einem Fahrzeug zum Einsatz kommen, können dann entweder als Stromspeicher für Zuhause verwendet, oder recycelt werden. Letzteres klappt – zumindest im Labor – schon Recht gut.

13. Forschung, Entwicklung und mehr Qualifizierung

Was der VDA hier fordert, spielt den Aus- und Weiterbildern im Themenbereich Elektromobilität natürlich in die Karten. Mit dem neuen Antriebskonzept gibt es für Unternehmen und deren Mitarbeiter eben auch viel zu lernen. Auch hier sieht der VDA die Bundesregierung in der Pflicht, die betroffenen Unternehmen durch Förderprogramme bei den notwendigen Fortbildungsmaßnahmen zu unterstützen.
 

14. E-Autos zu Stromspeichern machen

Stromspeicher werden immer beliebter. Auch Elektroautos können als Stromspeicher verwendet werden. Hier müssen laut VDA finanzielle Anreize geschaffen werden.
 

15. Jahresbericht zur E-Mobilität

Wie weit der Ausbau der Elektromobilität bereits vorangeschritten ist, ist angesichts der vielen unterschiedlichen Ministerien, die dafür auf zuständig sind, schwer zu überblicken. Aus diesem Grund fordert der VDA, den Fortschritt in einem jährlich erscheinenden Bericht zu dokumentieren. Der Bericht soll über den Ausbau der Ladeinfrastruktur in Deutschland und seinen europäischen Partnern aufklären.

Unterm Strich erscheinen die Forderungen des VDAs sehr sinnvoll. Zuweilen entsteht zwar der Eindruck, als hätte Herbert Diess persönlich den 15-Punkte-Plan verfasst, an der Wichtigkeit der meisten Forderungen ändert das aber nichts.
Der Fahrplan jedenfalls steht und nun ist mit dem VDA auch der Spitzenverband der deutschen Automobilindustrie mit an Bord. So gesehen kann die OP am offenen Herzen also endlich zu Ende gebracht werden.

Quelle Beitragsbilder:
Jannes Glas – Unsplash
Ernest Ojeh – Unsplash

 

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